Antrag auf Verhinderungspflege – Mythen, Falschaussagen und Fragen rund um die Verhinderungspflege

Muss ich denn wirklich einen Antrag auf Verhinderungspflege stellen?

Nachdem ich mich im vorigen Artikel mit dem Thema „Verhinderungspflege“ beschäftigt habe, möchte ich in diesem Folgebeitrag mit einigen typischen Falschaussagen zur Verhinderungspflege ausräumen (Nein, man muss keinen Antrag auf Verhinderungspflege stellen!) und entsprechend immer wieder gestellte Fragen beantworten. 

Der Paragraphendschungel des SGB zu Pflegeleistungen macht es den Betroffenen schwer, ihre Ansprüche und Rechte zu kennen und durchzusetzen. Die Gesetzestexte sind  auslegungsbedürftig, die praktische Anwendung ist in Richtlinien und Ausführungsbestimmungen erläutert. Selbst die Kranken- und Pflegekassen wissen oft nicht genau Bescheid und geben falsche Auskünfte oder erstellen falsche Leistungsbescheide.

Nachfolgend findet Ihr eine Sammlung von immer wiederkehrenden Falschaussagen zur Verhinderungspflege mit den entsprechenden korrekten Informationen dazu. Letztere entstammen alle dem Gesetzestext des § 39 SGB XI, den Gemeinsamen Richtlinien zu den leistungsrechtlichen Vorschriften des SGB XI des GKV-Spitzenverbandes bzw. entsprechenden Urteilen. Soweit möglich habe ich die jeweiligen Fundstellen entsprechend im Text vermerkt oder verlinkt.

Die genauen Erläuterungen zu den richtigen Aussagen findet Ihr im Blogbeitrag „Verhinderungspflege – was ist das?“.

1. „Die Krankenkasse sagt, ich muss vorab einen Antrag auf Verhinderungspflege stellen“

Falsch. Die Gemeinsamen Richtlinien zu den leistungsrechtlichen Vorschriften des SGB XI des GKV-Spitzenverbandes führen das unter § 39 Nr. 2 (Anspruchsvoraussetzungen) im Absatz zwei explizit aus: „Anspruchsvoraussetzung ist nicht, dass die Leistung im Voraus beantragt wird“.

Viele Kranken-/Pflegekassen bestehen auf einen Antrag vorab, haben dafür spezielle Formulare und wollen teilweise auch schon wissen, wer wann und wie lange Verhinderungspflege durchführen wird. Dies ist rechtlich nicht notwendig und mit diesen Details auch unlogisch – ggf. weiß ich vorab gar nicht, dass ich an der Pflege gehindert bin (z.B. weil ich krank werde) und wer mich vertritt. Natürlich könnt Ihr, um Euch Diskussionen zu ersparen, diesen Antrag der Krankenkasse (idR gibt es ein Formular dazu) ausfüllen. Dabei solltet Ihr folgendes beachten:

– Füllt den Antrag gleich für das ganze Jahr aus (also bei Zeitraum als Ende 31.12. angeben).

– Gebt als „Grund der Verhinderung“ immer „sonstiges“ an oder schreibt „Verhinderung“ in das entsprechende Freitextfeld. Erstens geht es die KK nichts an, warum Ihr verhindert seid, und zweitens wisst Ihr es ja jetzt vielleicht noch gar nicht.

– Seid Euch bewusst, dass wenn Ihr Urlaub oder Krankheit angebt, die KK immer von tageweiser Verhinderungspflege ausgeht. Ihr bekommt dann entsprechend das Pflegegeld gekürzt und habt nur 42 Tage für Verhinderungspflege zur Verfügung.

Oft werden auch die Begriffe „Antrag“ und „Abrechnung“ durcheinander geworfen. Wenn die Verhinderungspflege statt gefunden hat und Ihr wollt, dass die KK Euch das dafür bezahlte Geld erstattet, müsst Ihr diese Verhinderungspflege bei der KK abrechnen. Dazu sagen auch viele „beantragen“. Abrechnen muss man in der Tat, sonst bekommt man sein Geld nicht. Diese Abrechnung ist aber formal kein Antrag auf Verhinderungspflege.

Im Ergebnis: Ihr könnt die von vielen Krankenkassen verwendeten „Anträge“ auf Verhinderungspflege ausfullen, seid aber rechtlich nicht dazu verpflichtet. Wenn die Verhinderungspflege stattgefunden habt, müsst Ihr diese bei der KK abrechnen, um Euer Geld zurück zu bekommen. Auch dafür gibt es i.d.R. Formulare, Ihr könnt aber auch einfach selbst eine Aufstellung machen. Diese muss folgende Infos enthalten: wann wurde für wen von wem Verhinderungspflege durchgeführt, was wurde dafür bezahlt, Unterschrift der Ersatzpflegeperson, dass sie das Geld erhalten hat bzw. dass die Angaben so stimmen.

2. „Anspruch auf Verhinderungspflege besteht erst 6 Monate nach Gewährung eines Pflegegrades“

Nein! § 39 Abs.1 SGB XI:
Voraussetzung ist, dass die Pflegeperson den Pflegebedürftigen vor der erstmaligen Verhinderung mindestens sechs Monate in seiner häuslichen Umgebung gepflegt hat und der Pflegebedürftige zum Zeitpunkt der Verhinderung mindestens in Pflegegrad 2 eingestuft ist.

Die Anspruchsvoraussetzungen auf Verhinderungspflege hängen also mit dem Beginn der Pflegebedürftigkeit im häuslichen Umfeld und nicht mit dem Zeitpunkt der Bewilligung des Pflegegrades zusammen. Das Bewilligungsdatum des Pflegegrades benennt nur den frühst möglichen Zeitpunkt des Anspruchs. Fällt der Tag der Bewilligung und der Tag des Beginns der Pflegebedürftigkeit zusammen, ist die Aussage jedoch richtig.

3. „Bei Bewilligung des Pflegegrades im laufenden Jahr kann nur noch anteilig VHP geltend gemacht werden. Für jeden Monat stehen 1/12 des Budgets zur Verfügung“

Nein. Verhinderungspflege ist ein Jahresbetrag. Es stehen 1612 Euro (bzw. bei nicht in Anspruch genommener Kurzzeitpflege bis zu 2418 Euro) zur Verfügung vom 1.1. bis 31.12. eines Kalenderjahres. Bei Bewilligung des Pflegegrades im Dezember und entsprechend nachgewiesenen Vorpflegezeiten könnte der Gesamtbetrag theoretisch auch komplett im Dezember aufgebraucht werden.

4. „Verhinderungspflege ist bei nahen Verwandten nicht möglich“

Falsch. Jeder kann Verhinderungspflege durchführen. Auch verwandte und verschwägerte Personen des 1. und 2. Grades. Der Unterschied hier ist, dass bei Angehörigen bis zum 2. Grad und bei Personen, die im gleichen Haushalt der Pflegeperson wohnen, nicht das volle Verhinderungspflegebudget zur Verfügung steht.

5. „Um Verhinderungspflege auszuführen muss man volljährig sein“

Es gibt keine Vorschrift, die besagt, daß man volljährig sein muss, um zu pflegen. Entsprechend gilt dasselbe auch für die Verhinderungspflege. Die Pflege muss gesichert sein, gesetzliche Vorschriften (z.B. Jugendarbeitsschutz, Schulpflicht) müssen beachtet werden.

6. „Wer selbst pflegebedürftig ist, darf nicht pflegen, auch keine Verhinderungspflege machen“

Es gibt keine Vorschrift, wer pflegen darf und wer nicht oder welche Voraussetzungen eine Person dazu erfüllen muss. Auch hier gilt: die Pflege muss gesichert sein.

7. „Zwei Pflegebedürftige eines Haushalts dürfen nicht von der selben Verhinderungspflegeperson gepflegt werden“

Nein, das geht. Es muss allerdings für jede Pflegeperson getrennt abgerechnet werden. Der Stundenlohn muss entweder geteilt werden oder – noch besser – die Zeiten aufgesplittet. Das genaue Procedere sollte man mit der KK besprechen.

8. „Für die Verhinderungspflege durch nahe Angehörige gilt ein Tageshöchstsatz von 1/28 des monatlichen Pflegegeldes“

Nein. Viele KK behaupten das und selbst die Richtlinien des GKV-Spitzenverbands sind in diesem Punkt missverständlich formuliert. Das Bundessozialgericht hat am 12.06.2012 entschieden, dass die Pflegekasse auch für die Verhinderungspflege durch nahe Angehörige keinen Tageshöchstsatz vorgeben darf (BSG, B 3 P 6/11 R).

9. „Für die Frage stundenweise/tageweise Verhinderungspflege ist ausschlaggebend, wie lange die Ersatzpflegeperson im Einsatz war“

Nein. Es ist ausschlaggebend wie lange die Pflegeperson an der Pflege gehindert war, sprich ob die Pflegeperson über oder unter 8 Stunden verhindert / abwesend war. Wenn die Pflegeperson eine Woche Urlaub macht und die Ersatzpflegeperson täglich zwei Stunden kommt, handelt es sich trotzdem um tageweise Verhinderungspflege

10. „Bei Verhinderungspflege wird immer das Pflegegeld gekürzt“

Nein. Nur bei Inanspruchnahme von tageweiser Verhinderungspflege. Tageweise Verhinderungspflege heißt, die Pflegeperson ist länger als 8 Stunden verhindert (abwesend). Ist die Pflegeperson weniger als 8 Stunden verhindert, handelt es sich um stundenweise Verhinderungspflege. Es wird kein Pflegegeld gekürzt.

11. „Verhinderungspflege wird vom Pflegegeld abgezogen“

Nein. Es wird nicht abgezogen. Ggf. wird das Pflegegeld anteilig gekürzt (s. Nr. 10).

12. „Es müssen Gründe für die Verhinderung genannt werden“

Einige Formulare von Krankenkassen sehen vor, dass der Grund für die Verhinderung der Pflegeperson angegeben wird. Der Grund für die Verhinderung geht die KK aber nichts an. „Verhinderung“ oder „Sonstiges“ ist als Begründung ausreichend.

Achtung: oft besteht die Möglichkeit, die Optionen „Erholungsurlaub“ oder „Krankheit“ anzukreuzen. Dies suggeriert eine Abwesenheit der Pflegeperson von mehr als 8 Stunden, was zu tageweiser Verhinderungspflege (und damit zur Kürzung des Pflegegeldes) führen kann.

13. „Man muss bei Verhinderungspflege immer in Vorkasse gehen“

Nein. Es ist richtig, dass man die Verhinderungspflege erst nach erbrachter Leistung erhält.
Das kann als Erstattung oder als Bezahlung geschehen.
Die Entlohnung kann auch direkt auf das Konto der Ersatzpflegeperson überwiesen werden. Vorausgesetzt die Ersatzpflegeperson kann mit dem Bearbeitungszeitraum der Kasse leben und braucht das Geld nicht gleich. Ebenfalls ist (wie bei den Entlastungsleistungen) eine Abtretungserklärung möglich.

Anders ist es bei Behilfeberechtigten, hier müssen Verhinderungspflege und auch Entlastungsleistungen immer ausgelegt werden, da der Beihilfeanspruch nur gegenüber dem Pflegebedürftigen besteht.

14. „Bei reiner Sachleistung kann keine Verhinderungspflege abgerechnet werden“ oder „Verhinderungspflege kann nur gemacht werden, wenn Pflegegeld bezahlt wird“

Falsch. Es muss ein Pflegegrad bestehen. Wenn eine Pflegeperson eingetragen ist, die an der Pflege gehindert ist, besteht im vollen Umfang Anspruch auf Verhinderungspflege.

Sind Pflegebedürftige z.B. in einer vollstationären Einrichtung der Hilfe für behinderte Menschen nach § 43a SGB XI untergebracht, kann Verhinderungspflege für die Zeiten der Pflege im häuslichen Bereich (z. B. an Wochenenden oder in Ferienzeiten) in Betracht kommen.

15. „Den Übertrag aus der Kurzzeitpflege kann man nur nutzen, wenn man GAR KEINE Kurzzeitpflege genutzt hat“

Nein. Bis zu 50% des nicht genutzten Kurzzeitpflegebudgets (von 1612 Euro) können in das Verhinderungspflegebudget übertragen werden und dieses somit um einen Betrag zwischen 1 und 806 Euro erhöhen.

Der Rest ist und bleibt Kurzzeitpflege und kann und darf selbstverständlich als solche genutzt werden.

16. „Nicht verbrauchte Verhinderungspflege kann ins Folge(halb)jahr übertragen werden“

Falsch. Das Budget der Verhinderungspflege verfällt bei Nichtnutzung zum 31.12. des Kalenderjahres. Nicht zu verwechseln mit „Nichtabrechnung“. Wenn ich Verhinderungspflege genutzt und bezahlt habe, kann ich sie noch 4 Jahre lang nachträglich abrechnen. Dies könnte z.B. der Fall sein, wenn Ihr Ersatzpflegepersonen aus Eurem Budget oder aus dem Pflegegeld bezahlt habt, weil Ihr nicht wusstet, dass ein Anspruch auf Verhinderungspflege besteht. Könnt Ihr diese Ausgaben nachweisen (Quittung, Zeiten erfasst, etc.), dann könnt Ihr sie noch 4 Jahre nachträglich abrechnen.

17.  „Verhinderungspflege vom letzten Jahr kann nicht erstattet werden, da es zum Jahresende verfallen ist“ oder „Verhinderungspflege kann man nicht rückwirkend abrechnen“

Doch. Fand Verhinderungspflege im jeweiligen Kalenderjahr statt, kann diese noch vier Jahre lang zur Erstattung eingereicht werden (§ 45 SGB I). Wichtig ist, dass sie stattgefunden hat und dass man Nachweise hat (Quittung, Unterschrift des Leistungsempfängers).

18.  „Verhinderungspflege darf nur 42 Tage in Anspruch genommen werden“

Pauschal nicht richtig. Die Höchstdauer von 42 Tagen betrifft nur die tageweise Verhinderungspflege. Stundenweise Verhinderungspflege könnte theoretisch für jeden Tag des Jahres abgerechnet werden (z.B. 365 Tage x 30 min für 6,63 Euro/Tag).

19. „Verhinderungspflege darf nicht bei mehreren Personen ausgeübt werden“

Falsch. VHP darf bei mehreren Personen ausgeübt werden, die Anzahl ist egal solange die Pflege gesichert ist. Bei solchen Aussagen geht es wahrscheinlich um die Steuerpflicht des Entgelts für Verhinderungspflege. Hier kann es relevant sein, ob man für einen oder mehrere Personen Verhinderungspflege macht.

20. „Verhinderungspflege ist ein Ehrenamt“

Nein. Ein Ehrenamt kann nur im „Auftrag einer juristischen Person öffentlichen Rechts“ ausgeübt werden, in der Regel zB durch einen Mitarbeiter eines Pflegedienstes oder Vereins. Achtung Verwirrung: Privatpersonen, die pflegen, werden oftmals (selbst im Amtsdeutsch) „ehrenamtliche Pflegeperson“ genannt.

21. „Die Bezahlung für Verhinderungspflege ist immer steuerfrei“ oder „die Bezahlung für Verhinderungspflege ist eine Aufwandsentschädigung“ oder „Verhinderungspflege bis 2400 Euro ist immer steuerfrei“

Nein. Das Entgelt für Verhinderungspflege ist Einkommen. Nicht zu verwechseln mit der Aufwandsentschädigung für Übungsleiter oder Ehrenämter. Nach § 3 Nr. 36 EStG sind unter den dort genannten Voraussetzungen „Einnahmen (Entgelte) für Leistungen zu körperbezogenen Pflegemaßnahmen und pflegerischen Betreuungsmaßnahmen und Hilfen bei der Haushaltsführung pflegebedürftiger Personen bis zur Höhe des Pflegegelds gem. § 37 SGB XI steuerfrei“.

„Die Finanzverwaltung wendet die Steuerbefreiung neben den weitergeleiteten Pflegegeldern der Leistungsträger für selbst beschaffte Pflegehilfen gem. § 37 SGB V auch auf die vergleichbaren weitergeleiteten Erstattungen für die nach § 38 Abs. 4 SGB V selbstbeschafften Haushaltshilfen, für die Verhinderungspflege gem. § 39 SGB XI, …an“. (Quelle: Frosches/Geurts, EStG § 3 Nr. 36. Nachzulesen unter www.haufe.de).

Das Einkommen aus Verhinderungspflege ist nur dann steuerfrei, wenn die Ersatzpflegeperson zur Pflege sittlich oder moralisch verpflichtet ist und wenn das Entgelt die Jahressumme des Pflegegeldes nicht überschreitet (NICHT das maximale Budget – 2418€ – für Verhinderungspflege sondern das, was man pro Jahr an Pflegegeld bekommt).

Sittlich/moralisch verpflichtet ist man bei einer engen persönlichen Beziehung zum Pflegebedürftigen (Angehörige, nichteheliche Lebensgemeinschaften, Paten, Nennopas, Freunde, Nachbarn, …). Die Rechtsprechung nimmt eine sittlich/moralische Verpflichtung regelmäßig dann an, wenn die Ersatzpflegeperson nur eine Pflegeperson pflegt.

Einkommen, auch wenn es steuerfrei ist, ist in der Steuererklärung grundsätzlich anzugeben. Eine kurze Erklärung zur sittlich/moralischen Verpflichtung kann sichtlich nicht schaden. Achtung wird häufig durcheinandergebracht:
Für den Pflegebedürftigen ist die (Erstattung der) ausgelegten Verhinderungspflege natürlich steuerfrei.

22. „Nachhilfe/ Reittherapie/ Schwimmunterricht/… kann nicht als Verhinderungspflege abgerechnet werden“

Jain. Kann man so pauschal nicht sagen. Zielrichtung der Verhinderungspflege ist, die Pflegeperson zu ersetzen und die Betreuung/Pflege zu gewährleisten. Es geht nicht darum, aus diesem Budget Freizeitaktivitäten zu bezahlen.

Andererseits gibt es keine Vorschrift darüber, was während der Verhinderungspflege gemacht werden darf und bei welcher Tätigkeit die Pflegeperson verhindert sein muss. Die Verhinderungspflege kann auch außerhalb der Häuslichkeit des Pflegebedürftigen erbracht werden kann. Die Richtlinien des GKV-Spitzenverbands nennen als mögliche Orte ein Internat, ein Kindergarten, eine Schule, ein Wohnheim für behinderte Menschen, ein Krankenhaus oder eine Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtung. Voraussetzung für die Abrechnung als Verhinderungspflege ist, dass die jeweilige Betreuungsperson (Babysitter, Nachhilfelehrer, Reittherapeutin) bescheinigt, dass er/sie den Pflegebedürftigen in der Zeit xy betreut hat.

23. „Der Stundenlohn für Verhinderungspflege darf nicht über 10 Euro liegen“

Nein. Es gibt keine Vorschriften über die Höhe des Entgelts.
Es gilt allerdings das Wirtschaftlichkeitsgebot: Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. In der Regel wird ein Betrag zwischen Mindestlohn und 20 Euro gewählt, ein höherer Betrag kann abhängig von der Situation jedoch auch gerechtfertigt sein.

24. „Verhinderungspflege muss mittels Kontoauszügen nachgewiesen werden“

Nein. Die Aufwendungen für Leistungen der Verhinderungspflege müssen zwar nachgewiesen werden, aber Kontoauszüge sind nur eine Möglichkeit. Andere Möglichkeiten die erbrachten Aufwendungen zu belegen sind beispielsweise: unterschriebener Stundennachweis, Quittungen, Rechnungen.

25. „Wer Verhinderungspflege machen will, muss erst einen Pflegekurs von der KK besuchen“

Nein. Es bedarf keiner besonderen Qualifikation um Verhinderungspflege durchzuführen.

26. „Verhinderungspflege und Entlastungsleistungen können nicht gleichzeitig genutzt werden. Nur eines im Jahr/am gleichen Tag“

Falsch. Das sind zwei unterschiedliche Töpfe, die unabhängig voneinander genutzt werden können. Im gleichen Jahr/Monat, sogar am gleichen Tag und zur gleichen Zeit. Es ist z.B. möglich, dass die Pflegeperson verhindert ist und jemand Verhinderungspflege macht, während zur selben Zeit auf das Budget der Entlastungsleistungen die Fenster putzt.

27. „Mit den Entlastungsleistungen kann die Verhinderungspflege aufgestockt werden“

Nein. Man kann nicht die Entlastungsleistung in Verhinderungspflege umwandeln (wie bei der Kurzzeitpflege möglich ist). Wenn man aber jemanden findet, der zur Abrechnung von Leistungen nach § 45 mit der Pflegekasse berechtigt ist zb Pflegedienst, Offene Hilfen, Lebenshilfe etc.) kann man durch diese „Verhinderungspflege“ durchführen lassen (d.h. Betreuung/Pflege bei Verhinderung der Pflegeperson) und dies als Entlastungsleistungen abrechnen.

28. „Bei der Umwandlung der halben Kurzzeitpflege zur Aufstockung des Verhinderungspflegebudgets erhöht sich die Anzahl der möglichen Tage bei tageweiser Verhinderungspflege“

Nein. Es wird lediglich das Budget für die Verhinderungspflege erhöht. Es gelten weiterhin 42 Tage bei tageweiser VHP.

29. „Nachweise über Verhinderungspflege müssen zeitnah ausgestellt worden sein“

Nein. Sie müssen aber der Wahrheit entsprechen. Es spricht nichts dagegen, die Zeiten von Verhinderungspflege z.B. in einem Kalender zu erfassen und am Ende eines Monats, Quartals oder Jahres in ein entsprechendes Formular der KK oder eine eigene Aufstellung zu übertragen und von der Ersatzpflegeperson unterschreiben zu lassen.

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Habt Ihr noch mehr Falschaussagen zur Verhinderungspflege auf Lager, dann hinterlasst gerne einen Kommentar.

Dieser Beitrag wurde auf der Grundlage eines Facebook Beitrags „Bullshitbingo der Verhinderungspflege“ von ANSEL STEINHAUER verfasst, der ich sehr für Ihre Unterstützung und nächtelangen Diskussionen zu besonderen Fallkonstellationen der Verhinderungspflege danke!

In meinem Blogbeitrag „Verhinderungspflege – was ist das?“  könnt Ihr noch einmal ganz strukturiert alles Wissenswerte zum Thema  Verhinderungspflege nachlesen.

25 Kommentare

  1. Stimmt es, dass das VHP-Geld nur auf das Bankkonto des zu Pflegenden angewiesen werden kann?
    Es wäre hilfreich dieses direkt an VHP Person schicken zu lassen.

    Danke und Grüße

    1. Du kannst auch die KtoNr der Ersatzpflegeperson angeben und bitten, dass es dahin überwiesen wird.
      Das geht allerdings nicht bei der Beihilfe, nur bei „normalen“ Krankenkassen

  2. In unserer WG wohnt jetzt ein an Demenz erkrankter Mann. Wenn ich nun einen ambulanten halben Tag im Krankenhaus verbringe, kann ich den Dementen nicht allein lassen. Wenn dann ein anderes wg- Mitglied ihn betreut, was kann er bekommen? Schließlich hat er Verdienstausfall.

    1. Liebe Corinna, um diese Frage zu beantworten, bräuchte ich noch eine Menge Infos. Rechtlich bin ich nicht befugt, solche Einzelfragen zu beantworten (Rechtsberatungsgesetz). Bitte stelle Deine Frage doch in den einschlägigen Foren bei Facebook! Danke.

  3. Hallo,
    Wir versorgen meine Schw.mutter jetzt 2 Jahre lang komplett.Die Diagnose Demenz steht seid April 18.
    Am 8.Mai 18 Sturz mit schlimmer OS-Fraktur und Op.Schnellbegutachtung und Pflegegrad 2 bekommen.
    Zur Zeit noch in der Pflege.Sie geht aber ab 1.9.18 wieder nach Hause.Habe Hilfe gefunden.Jetzt wurde mir gesagt das der Pflegegrad ein halbes Jahr sein muß und dann bekämen wie Nov und Dez noch 2/12 der Jahressumme von 1600 .Ist das richtig?
    Vielen Dank und LG M.Nottelmann

    1. Hallo, Ihr habt Anspruch auf Verhinderungspflege ab 6 Monate nach Beginn der Pflegebedürftigkeit, frühestens mit Beginn der Pflegestufe. Die Pflegebedürftigkeit vor dem Datum des Bescheids zum PG 2 muss vom Arzt bescheinigt werden.
      Die Auskunft zu 2/12 ist ebenfalls falsch. Wenn Anspruch auf VHP in 2018 besteht, könnt Ihr theoretisch den vollen Betrag nutzen, auch wenn es nur 2 Monate wären.

  4. Stimmt es das die stundenweise verhinderungspPflege an aufeinander folgenden Tagen ( mo-fr. Je 3-4 Std. 18- 22 Uhr ) nicht gezahlt wird sondern als 8 Std. Berechnet wird, da keine Unterbrechung war. ??

    Und kann auch abends verhinderungspflege von Freundin genutzt werden ?

    1. Nein, das stimmt natürlich nicht. Tageweise Verhinderungspflege ist es, wenn die Pflegeperson mehr als 8 Stunden am Stück verhindert war (egal wie lange die VHP da war, maßgeblich ist die Verhinderung der Pflegeperson!). Wenn sie Montag bis Freitag 3-4 Stunden verhindert war, ist es stundenweise VHP.

  5. Wenn meine Schwester im Ausland lebt und hin und wieder zu mir kommt, um die Verhinderungspflege meiner Tochter zu übernehmen, muss sie dann das im Ausland in ihrer Steuererklärung angeben? In Deutschland wäre das ja wegen der moralischen Verpflichtung ja steuerfrei.

    1. Hallo Alicja,
      wie das Einkommen aus der Verhinderungspflege für Deine Schwester zu versteuern ist, regeln die einschlägigen rechtlichen Regelungen des Landes, in dem sie lebt. Kann so sein wie in Deutschland – muss aber nicht 😉

  6. Ich bin tief beeindruckt von dieser differenzierten Darstellung, die man so wohl sonst nirgends findet und auch kaum irgendwo sicher beantwortet bekommt.
    Ich Pflege meine Mutter seit 10 Jahren und war in vielen dieser Punkte früher unsicher und würde auch diverse Male falsch beraten von der Kasse oder Pflegestützpunkt. Hinzu kommt noch, dass es Regelungen z.B. bezüglich des Entlastungsgeldes gibt, die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sind. Die Verhinderungspflege ist aber bundesweit einheitlich geregelt, oder?
    Alles Gute aus Hamburg.

  7. Ich habe eine dumme frage es ist alles toll beschrieben aber ich bin irgendwie dumm , ich weiß nicht wie ich es aufschreiben muß im Antrag , ich War ein mal pro Woche meistens Samstag für 7 Stunden verhindert fürs ganze Jahr. Und ich weiß nicht wie ich es aufschreiben muß und möchte die Hälfte der kurzeitpfege im Anspruch nehmen und weiß nicht wie ich es auf schreiben muss.

    1. Hallo,
      das ist keine dumme Frage. Die meisten Krankenkassen haben dafür Formulare mit Tabellen, da schreibt man Datum, Stunden und Entlohnung rein und lässt das von der Ersatzpflegeperson unterschreiben. Dort gibt es meist auch die Möglichkeit, den Übertrag der Kurzzeitpflege anzukreuzen.
      Man kann das alles aber genau so formlos machen (am besten auch mit Tabelle) und dazu ein Satz, dass man die Übertragung der halben KZP auf die VHP beantragt.

  8. Hallo, meine Krankenkasse hat den Antrag auf Verhinderungspflege abgelehnt, weil ich angegeben habe, dass ich in dieser Zeit arbeite. Ich Pflege meine behinderte Tante seit 5 Jahren und habe bisher keine Probleme damit. Dürfen die das?

  9. Stundenweise VHP, was ist, wenn die pflegende Person in Urlaub ist? Dann nicht möglich? Warum DIE EINE pflegende Person? Es gibt ja noch Familie, Fŕeunde, die solange die Pflege übernehmen können (dafür gibt es ja das Pflegegeld) ausgezahlt. Aber auch diejenigen möchten stdw. mal was unternehmen. Selbst als Kranker mit in Urlaub fahren, was ist während des Skilaufen, Sport usw. der anderen?

    1. Tageweise VHP kommt nur dann zum Tragen wenn ALLE Pflegepersonen zur gleichen Zeit 8 Stunden oder mehr abwesend/verhindert sind. Wenn eine Pflegepersonen im Urlaub ist und eine andere (eingetragene!) Pflegeperson ist da, kann man mit einer dritten Ersatzpflegeperson stundenweise VHP abrechnen.

  10. Hallo,
    unsere Tochter wurde im November 2017 gehörlos geboren. Die endgültige Diagnose hatten wir im Mai 2018. Im August 2018 habe ich bei der AOK Pflegegeld beantragt und der MDK genehmigte PG2. In seinen Bericht hat er geschrieben als Ergebnis: PG 2, seit 01.05.2018.
    Die AOK hat unserer Tochter den PG2 ab Antragstellung (August 2018) zugesprochen. Soweit sogut. Nun bin ich bei der Verhinderungspflege dran und frage mich, wann ich nun tatsächlich diese beantragen kann. Die KK sagte, nach 6 Monaten ab Erhalt des Pflegegrades, aber das stimmt wohl laut Gesetztestext auch nicht so ganz.

    Können Sie mir weiterhelfen?

    1. Liebe Svenja,
      das Gesetz (§ 39 SGB XI Abs. 1) sagt, „Voraussetzung ist, dass die Pflegeperson den Pflegebedürftigen vor der erstmaligen Verhinderung mindestens sechs Monate in seiner häuslichen Umgebung gepflegt hat und der Pflegebedürftige zum Zeitpunkt der Verhinderung mindestens in Pflegegrad 2 eingestuft ist“. Sprich am besten mit deiner KK, Verweise auf die gesetzliche Regelung und frage nach, ob du das per ärztlichem Attest belegen sollst.

  11. Hallo, dürfen bestehende Pflegeleistungen/Kombinationsleistung am Ende des Jahres durch nicht genutzte Verhinderungspflege ersetzt werden und so der Betrag aufgebraucht werden?

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