Stuhlinkontinenz bei Kindern mit ADHS und Wahrnehmungsstörung

Nicht selten haben Kinder mit ADHS und damit einhergehender Wahrnehmungsstörung Probleme mit dem Sauberwerden. Dieser Blogbeitrag ist ein Erfahrungsbericht und bietet einen möglichen Lösungsansatz für Stuhlinkontinenz bei Kindern mit ADHS und Wahrnehmungsstörung.

Unser Sohn hat viele Jahre eine Windel getragen, weil er es einfach nicht schaffte, seinen Stuhl in die Toilette abzusetzen. Auch war sein Stuhlgang sehr auffällig: manchmal musste man ihm 4-5 Mal am Tag die Windel wechseln, dann wieder hatte er riesen Portionen in der Windel. Nachdem unser Kinderarzt beim Abtasten eine auffällige „Schwellung“ im Unterbauch feststellte, schickte er uns zum Ultraschall, was eine Verstopfung des Darms ergab. Der Arzt im Krankenhaus überwies uns daraufhin zu einer Kinder-Gastroenterologin. Damals war er schon fast 7 Jahre alt. Dort erfuhren wir, Stuhlinkontinenz bei Kindern mit ADHS und Wahrnehmungsstörung sei ein weit verbreitetes Problem.

Chronische Verstopfung

Verstopfung im Kindesalter ist ein weit verbreitetes Problem. Bis zu 30% aller Kinder weltweit leiden unter einer chronischen Verstopfung. Zum Thema „Chronische Verstopfung empfehle ich Euch die Internetseite des Vereins „Knopf im Bauch e.V.“ (https://knopf-im-bauch.com). In diesem Verein leisten selbst betroffene Eltern hervorragende Arbeit bei der Aufklärung und Unterstützung für Eltern von Kindern mit verschiedensten Problem mit Inkontinenz, Verstopfung, etc.

Stuhlinkontinenz bei ADHS und Wahrnehmungsstörung

Auffällig ist, dass auch viele Kinder mit ADHS und/oder Wahrnehmungsstörung an Stuhlinkontinenz, teilweise bis weit ins Schulalter hinein leiden. Diese Stuhlinkontinenz resultiert auch aus einer chronische Verstopfung, die jedoch nicht die typischen Ursachen einer sogenannten „funktionellen Obstipation“ (nicht organisch bedingte chronische Verstopfung) hat. Vielmehr scheinen die Probleme bei diesen Kindern mit ihrer Wahrnehmungsstörung zu tun zu haben (sie merken nicht, dass sich Kot im Enddarm befindet). Außerdem ist unsere Erfahrung, dass unser Sohn, wenn er merkt, dass er auf die Toilette muss, viel zu kurz sitzen bleibt und den Darm dadurch nicht vollständig entleert (auch typisch ADHS: schnell von einem zum anderen springen).

In unserem Fall hat die Kinder-Gastroenterologin zunächst versucht, mithilfe eines Stuhlweichmachers die Verstopfung zu lösen. Wie das geht, könnt Ihr hier sehr gut nachlesen. Richtig verstanden habe ich das alles allerdings erst, nachdem ich in die Facebook-Gruppe „Chronische Verstopfung bei Kindern“ eingetreten war. Dort geben erfahrene Eltern von Kindern mit chronischer Verstopfung und/oder Stuhlinkontinenz ihr Wissen weiter. Nachdem die Verstopfung aufgelöst und der Stuhl weich war, stellte sich die Frage nach einer langfristigen Behandlung. Schließlich war unser Sohn gerade ein Schulkind geworden und wir wollten auf alle Fälle vermeiden, dass er noch Windel tragen oder aber regelmäßig mit voller Hose in der Schule herumlaufen muss. Eine schlimmere Stigmatisierung kann man sich kaum vorstellen.

Die klassische Behandlung, wie sie auch bei „Knopf im Bauch“ beschrieben wird, führte bei uns langfristig leider nicht zum Erfolg. Der Darm war nicht mehr verstopft und der Stuhl war weich, kam dadurch aber noch viel schneller und wurde für unseren Sohn noch schwieriger zu kontrollieren. Gemeinsam mit der Gastroenterologie kamen wir zu dem Schluss, dass das Problem tatsächlich darin liegen muss, dass unser Sohn den vollen Enddarm nicht als solchen wahrnimmt und auf der Toilette nicht ausreichend Geduld aufbringt, sich vollständig zu entleeren. Mechanismen, die bei anderen Kindern völlig automatisch stattfinden.

Nutzung eines rektalen Spülsystems „Peristeen“

Die Gastroenterologin empfahl uns ein Kathetersystem der Firma „Coloplast“ mit Namen Peristeen. Damit wird der Darm gespült und entleert. Zunächst waren wir skeptisch. Schon oft hatten wir gelesen, dass das Manipulieren bei Kindern (zB durch Einläufe, etc.) zu psychischen Störungen führen kann, die das zur Toilette gehen negativ belasten und das ganze Thema noch zusätzlich erschweren. Außerdem hatten wir das Gefühl, dass man durch ein „Nachhelfen“ das Thema nur unnötig verlängern würde, da unser Sohn dann nie lernen würde, selbst zu merken, wenn er auf die Toilette muss.

Andererseits stand der Eintritt in die Grundschule an und die Vorstellung, dass unser Sohn entweder mit Windeln oder mit immer wieder kehrenden „Unfällen“ absehbar zum Außenseiter werden würde, verstärkte den Handlungsdruck. Also ließen wir uns auf einen Versuch ein. Die Ärztin stellte uns ein Rezept aus und gab uns die Nummer einer Außendienstmitarbeiterin der Firma Coloplast. Diese kam schon wenige Tage später zu uns nach Hause, um uns das System zu erklären.

Im Prinzip wird ein Plastik Katheter, der an einen Behälter mit lauwarmem Wasser angeschlossen ist, feucht gemacht, eingeführt und ein kleiner „Ballon“ am Katheter aufgepumpt, der dazu führt, dass der Katheter an Ort und Stelle bleibt und der Darm nach unten hin „abgedichtet“ wird. Anschließend werden 200-400ml des Wassers in den Darm gepumpt, der Katheter entfernt und das Kind scheidet in 10-20 Minuten das Wasser samt Stuhl wieder aus. Wie es genau funktioniert, könnt Ihr hier nachlesen.

Wir haben das dann unter Anleitung ausprobiert und die nette Dame hat ihre Nummer hinterlassen, um jederzeit Fragen zur Anwendung zu stellen. Ein paar Tage später kam ein großes Paket von Coloplast mit dem notwendigen Zubehör und wir legten los.

Ob ein Kind diese Spülungen toleriert und wie oft sie angewendet werden müssen, damit es nicht mehr zu „Unfällen“ kommt, ist sicherlich sehr individuell. Bei uns ist es so, dass unser Sohn gerne „Schlauch macht“ – wie es bei uns heißt. Die Anwendung tut ihm nicht weh und ist offensichtlich auch nicht unangenehm. Er darf in der Zeit, in dem er auf der Toilette sitzt, das iPad haben und Spiele spielen oder YouTube schauen, so dass es für ihn etwas ist, was er „positiv“ sieht und sogar gerne macht. Wenn wir alle zwei oder drei Tage auf diese Weise entleeren, passieren zwischendurch keine Unfälle. Immer wieder mal probieren wir aus, ob er es auch ohne das Entleeren hinbekommt, aber leider bisher ohne Erfolg. In den Ferien lassen wir die Abstände auch länger und motivieren ihn, abends nach dem Essen selbständig auf die Toilette zu gehen. Oft geht das auch, aber nach den ersten kleinen Erfolgen springt er sofort wieder auf, so dass er nicht wirklich „leer“ ist und dann doch etwas die Hose geht.

Insofern haben wir uns jetzt erst einmal damit arrangiert, dass wir regelmäßig „Schlauch machen“. Unser Sohn ist jetzt schon 9 Jahre alt und leider hat sich noch nichts verändert. Das Verfahren hat sich eingespielt, ist zwar lästig, aber es funktioniert und es gibt nur ganz selten Unfälle – nämlich nur dann, wenn wir das Peristeen System für mehrere Tage nicht nutzen, weil wir mal wieder denken, es müsste doch auch so gehen.

 

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